Der verzagte Baumwollfaden

erhalten von Bea !!

22.03.2006

 

Es war einmal ein kleiner weißer Baumwollfaden, der hatte ganz viel Angst, dass er so wie er war, zu nichts nutze sei.

Ganz verzweifelt dachte er immer wieder: "Ich bin nicht gut genug, ich tauge zu nichts. Für einen Pullover bin ich viel zu kurz. Selbst für einen winzig kleinen Puppenpullover tauge ich nichts! Für ein Schiffstau bin ich viel zu schwach. Nicht mal ein Hüpfseil kann ich aus mir machen lassen! Mich an andere kräftige, dicke, lange Fäden anknüpfen kann ich nicht, die lachen doch sowieso über mich. Für eine Stickerei eigne ich mich auch nicht, dazu bin ich zu blass und zu farblos. Ja, wenn ich aus Goldgarn wäre, dann könnte ich eine Stola verzieren oder ein Kleid... Aber so?! Ich bin zu gar nichts nütze. Was kann ich schon? Niemand braucht mich. Keiner beachtet mich. Es mag mich sowieso niemand."

So sprach der kleine weiße Baumwollfaden mit sich - Tag für Tag. Er zog sich ganz zurück, hörte sich traurige Musik an und weinte viel. Er gab sich ganz seinem Selbstmitleid hin.

Eines Tages klopfte seine neue Nachbarin an der Tür: ein kleines weißes Klümpchen Wachs. Das Wachsklümpchen wollte sich bei dem Baumwollfaden vorstellen. Als es sah, wie traurig der kleine weiße Baumwollfaden war und sich den Grund dafür erzählen ließ, sagte es: "Lass dich doch nicht so hängen, du schöner, kleiner, weißer Baumwollfaden. Mir kommt da so eine Idee: wir beide sollten uns zusammen tun! Für eine Kerze am Weihnachtsbaum bin ich zu wenig Wachs und du als Docht zu klein, doch für ein Teelicht reicht es allemal. Es ist doch viel besser, ein kleines Licht anzuzünden, als immer nur über die Dunkelheit zu klagen!"

Da war der kleine weiße Baumwollfaden ganz glücklich und tat sich mit dem kleinen weißen Klümpchen Wachs zusammen und sagte: "Endlich hat mein Dasein einen Sinn."

Wer weiß, vielleicht gibt es in der Welt noch viele kleine weiße Baumwollfäden und viele kleine weiße Wachsklümpchen, die sich zusammentun könnten, um der Welt zu leuchten?!

 

 
 

die Geschichte ohne Überschrift

Eines Tages bat eine Lehrerin ihre Schüler die Namen aller anderen Schüler in der Klasse auf ein Blatt Papier zu schreiben und ein wenig Platz neben den Namen zu lassen.
Dann sagte sie zu den Schülern, sie sollten überlegen, was das Netteste ist, das sie über jeden ihrer Klassenkameraden sagen können und das sollten sie neben die Namen schreiben.

Es dauerte die ganze Stunde, bis jeder fertig war und bevor sie den Klassenraum verließen, gaben sie ihre Blätter der Lehrerin. Am Wochenende schrieb die Lehrerin jeden Schülernamen auf ein Blatt Papier und daneben die Liste der netten Bemerkungen, die ihre Mitschüler über den
einzelnen aufgeschrieben hatten.

Am Montag gab sie jedem Schüler seine oder ihre Liste. Schon nach kurzer Zeit lächelten alle. "Wirklich?" hörte man flüstern. "Ich wusste gar nicht, dass ich irgend jemandem was bedeute!" und "Ich wusste nicht, dass mich andere so mögen..." waren die Kommentare.

Niemand erwähnte danach die Listen wieder. Die Lehrerin wusste nicht, ob die Schüler sie untereinander oder mit ihren Eltern diskutiert hatten, aber das machte nichts aus. Die Übung hatte ihren Zweck erfüllt. Die Schüler waren glücklich mit sich und mit den anderen.


Einige Jahre später war einer der Schüler in Vietnam gefallen und die Lehrerin ging zum Begräbnis dieses Schülers. Sie hatte noch nie einen Soldaten in einem Sarg gesehen - er sah so stolz aus, so erwachsen.
Die Kirche war überfüllt mit vielen Freunden.. Einer nach dem anderen, der den jungen Mann geliebt hatte, ging am Sarg vorbei und erteilte ihm die letzte Ehre. Die Lehrerin ging als letzte und betete vor dem Sarg.

Als sie dort stand, sagte einer der Soldaten, die den Sarg trugen zu ihr: "Waren Sie Mark's Lehrerin?" Sie nickte: "Ja".. Dann sagte er: "Mark hat sehr oft von Ihnen gesprochen."
Nach dem Begräbnis waren die meisten von Mark's früheren Schulfreunden versammelt.. Mark's Eltern waren auch da und sie warteten offenbar sehnsüchtig darauf, mit der Lehrerin zu sprechen. "Wir wollen Ihnen etwas zeigen", sagte der Vater und zog eine Geldbörse aus seiner Tasche.
"Das wurde gefunden, als Mark gefallen ist. Wir dachten, Sie würden es erkennen."

Aus der Geldbörse zog er ein stark abgenutztes Blatt, das offensichtlich zusammengeklebt, viele Male gefaltet und auseinandergefaltet worden war.
Die Lehrerin wusste ohne hinzusehen, dass dies eines der Blätter war, auf denen die netten Dinge standen, die seine Klassenkameraden über Mark geschrieben hatten.
 

"Wir möchten Ihnen so sehr dafür danken, dass Sie das gemacht haben" sagte Mark's Mutter. "Wie Sie sehen können, hat Mark das sehr geschätzt."
 

Alle früheren Schüler versammelten sich um die Lehrerin. Einer lächelte ein bisschen und sagte: "Ich habe meine Liste auch noch. Sie ist in der obersten La de in meinem Schreibtisch". Eine andere sagte, Mein Mann bat mich, die Liste in unser Hochzeitsalbum zu kleben." "Ich habe meine auch noch" sagte der nächste. "Sie ist in meinem Tagebuch." Dann griff eine ehemalige Schülerin in ihren Taschenkalender und zeigte ihre abgegriffene und ausgefranste Liste den anderen. "Ich trage sie
immer bei mir", sagte sie und meinte dann ohne mit der Wimper zu zucken:
"Ich glaube, wir haben alle die Listen aufbewahrt."
Die Lehrerin war so gerührt, dass sie sich setzen musste und weinte. Sie weinte um Mark und für alle seine Freunde, die ihn nie mehr sehen würden.



Im Zusammenleben mit unseren Mitmenschen vergessen wir oft, dass jedes
Leben eines Tages endet. Und dass wir nicht wissen, wann dieser Tag sein
wird. Deshalb sollte man den Menschen, die man liebt und um die man sich
sorgt, sagen, dass sie etwas Besonderes und Wichtiges sind.

Sagen Sie es ihnen, bevor es zu spät ist.

 

 
 

Eine Indianergeschichte

erhalten von Marion !!

Am Rande seines Dorfes lebte ein alter Indianer. Der besaß nur ein einziger Pferd.

Eines Morgens aber, als er wie immer nach ihm schauen wollte, da war das Pferd verschwunden. Der Nachbar des Alten erfuhr dies, kam zu Ihm und sprach: "Du Armer! dein einziges Pferd ist weggelaufen! du tust mir Leid, jetzt ist alles was du besessen hast dahin. Das ist wirklich schlimm für Dich!

"Ach " erwiderte der Alte und schaute ihn an, " was ist schon schlimm? "

"Das Pferd ist weg, das stimmt, aber reg Dich nicht auf.

"Warts doch mal ab, wer weiß wozu das gut ist.“

Nach ein paar Tagen geschah es nun, dass der alte Indianer lautes Hufgetrappel hörte und als er vor sein Zelt trat, da erblickte er sein Pferd. Es war zurückgekommen und mit ihm 12 schöne wilde Pferde, die folgten ihm bis ins Gatter.Das bekam der Nachbar mit und voller Freude kam er und rief: “Mensch, Alter!“ „Was für ein unverschämtes Glück du hast, das ist ja unglaublich! 13 Pferde hast du jetzt, nein, wie ist das toll für Dich! Nun bist du der Reichste Mann im Dorf!“

„Ja“, sagte der Alte, „schon richtig. Aber was regst du dich so auf?

"Warts doch mal ab, wer weiß wozu es gut ist.“

Der Indianer hatte einen Sohn und dieser begann nun damit die 12 Wildpferde zu zähmen und zuzureiten, eins nach dem anderen. Das ist selbst für einen jungen, kräftigen Mann mühsame harte Arbeit. Und so passierte es eines nachmittags, er war schon sehr erschöpft, dass er von einem besonders temperamentvollen Tier hart stürzte und sich das Becken brach. Wie sich noch einiger Zeit herausstellte war der Bruch so kompliziert, das er nur schlecht zusammenheilte und so ward der Sohn des Alten zum Krüppel, der seine Beine nie mehr richtig gebrauchen konnte. Voller Mitleid und bedauern kam der Nachbar und jammerte:“ Du armer Kerl! Du kannst einem ja Leid tun! Dein einziger Sohn , ein Krüppel ! Meine Güte wie ist das schlimm! Was kannst du noch für Freude am Leben haben? Was für ein Fluch ! “

 

„Seltsam“, erwiderte der Alte, und schüttelte sein weißes Haupt. „ Schon wieder regst du dich auf, schon wieder weißt du Bescheid, was gut oder schlecht ist,

"Warts doch mal ab! mal schau´n wozu das gut ist.

Nun befand sich das Volk unseres Indianers seid geraumer Zeit in größeren Schwierigkeiten mit einem benachbarten Stamm. Die feindselige Beziehung zwischen den beiden Dörfern verschärfte sich und es ging das Gerücht, das Nachbarvolk plane einen Angriff. So entschied der Rat des Dorfes, diesem zuvorzukommen und den feindlich gesinnten Stamm zu überfallen. Alle starken und gesunden jungen Männer wurden aufgefordert, sich zu rüsten und vorzubereiten für den großen Angriff.

 

Da kam der Nachbar und ergreifte sich voller Verzweiflung: “Stell dir vor, mein Sohn muss in den Krieg ziehen, aber deiner, deiner nicht, weil er ja ein Krüppel ist! du hast ein Glück!

Zwar ist dein Sohn nicht gesund, aber du darfst ihn behalten, wer weiß, ob ich meinen jemals wieder sehe. Wie musst du dich glücklich schätzen, dass dein einziger Sohn verschont bleibt! “.

Wieder schüttelte der Alte den  Kopf: “Du verstehst es einfach nicht. Schon wieder weißt du Bescheid und befindest einfach darüber, ob etwas gut oder schlecht ist, was wissen wir denn wirklich?

Warts doch erst mal ab. Wer weiß denn, wofür alles gut ist.“

Die jungen Krieger überfielen das Nachbarvolk und hatten leichtes Spiel, denn dort hatte man nicht mit ihrem Angriff gerechnet. Sie machten reiche Beute und kehrten siegreich und mit schwer beladenen Pferden zurück.

Stolz und aufgeregt lief der Nachbar zum Alten und rief schon von weitem:“ komm raus du armer Schlucker! Sieh doch nur wie viel sie erbeutet haben! Wir sind jetzt alle reich! nur du nicht, du armer Kerl, denn dein Sohn war ja nicht dabei! Du hast vielleicht ein Pech! Das muss ja furchtbar sein für dich, was?“

Der alte Indianer schaute ihn an, seufzte tief und ging wortlos in sein Zelt zurück.

Aber dann wandte er sich doch noch einmal um, sah seinen Nachbarn eine Weile an und sprach: „Du lernst es nicht, es ist hoffnungslos, über alles und jedes weißt du immer gleich Bescheid , gibst dein Urteil ab, weißt sofort was ein Fluch und was ein Segen ist und jedes Mal erregst du mich, wofür? Wir sehen immer nur einen kleinen Teil vom Ganzen.

Warts doch mal ab, mal schau´n wozu das gut ist.

 

Der so erfolgreiche Siegeszug musste natürlich gefeiert werden und die stolzen Väter und noch stolzeren Mütter richteten ein Fest. Es wurde gegessen und getrunken, getanzt und gelacht und erst spät in der Nacht ging man müde und bezecht in die Zelte zum schlafen. Währenddessen jedoch hatte sich das Nachbardorf von dem Schrecken des Angriffs erholt und voller Zorn über diese Demütigung beschlossen seine Stammesältesten schnelle und grausame Rache. Und als der Morgen graute, da überfielen die so schändlich beraubten das Dorf des Alten. Sie drangen in jedes Zelt und überall dort wo sie ihr Hab und Gut entdeckten, wurden die Räuber und ihre Angehörigen niedergemetzelt.

Niemand überlebte diesen rachdürstigen Feldzug, niemand….außer?

Außer: der Alte zusammen mit seinem Sohn, und nun, nun kam er nicht mehr, der Nachbar, um sein Urteil abzugeben…..

…und schau´n , wozu das gut ist ?!

 

 
 

Vom gestutzten Baum

erhalten von Karmen !!

Es war einmal ein Gärtner. Eines Tages nahm er seine Frau bei der Hand und sagte:" Komm, Frau, wir wollen einen Baum pflanzen." Die Frau antwortete: " Wenn du meinst, mein lieber Mann, dann wollen wir einen Baum pflanzen." Sie gingen in den Garten und pflanzten einen Baum.

Es dauerte nicht lange, da konnte man das erste Grün zart aus der Erde sprießen sehen. Der Baum, der eigentlich noch kein richtiger Baum war, erblickte zum ersten Mal die Sonne.

Er fühlte die Wärme ihrer Strahlen auf seinen Blättchen und streckte sich ihnen hoch entgegen. Er begrüßte sie auf seine Weise, ließ sich glücklich bescheinen und fand es wunderschön auf der Welt zu sein und zu wachsen.

" Schau", sagte der Gärtner zu seiner Frau, " ist er nicht niedlich unser Baum?" Und seine Frau antwortete: " Ja, lieber Mann, wie du schon sagtest: Ein schöner Baum!"

Der Baum begann größer und höher zu wachsen und reckte sich immer weiter der Sonne entgegen. Er fühlte den Wind und spürte den Regen, genoss die warme und feste Erde um seine Wurzeln und war glücklich. Und jedes Mal, wenn der Gärtner und seine Frau nach ihm sahen, ihn mit Wasser tränkten und ihn einen schönen Baum nannten, fühlte er sich wohl. Denn da war jemand, der ihn mochte, ihn hegte, pflegte und beschützte. Er wurde lieb gehabt und war nicht allein auf dieser Welt. So wuchs er zufrieden vor sich hin und wollte nichts weiter als leben und wachsen, Wind und Regen spüren, Erde und Sonne fühlen, lieb gehabt werden und andere lieb haben.

Eines Tages merkte der Baum, dass es besonders schön war ein wenig nach links zu wachsen, denn dort schien die Sonne mehr auf seine Blätter. Also wuchs er jetzt ein wenig nach links.

"Schau", sagte der Gärtner zu seiner Frau, "unser Baum wächst schief. Seit wann dürfen Bäume denn schief wachsen, und dazu noch in unserem Garten? Ausgerechnet unser Baum! Gott hat die Bäume nicht erschaffen, damit sie schief wachsen, nicht wahr, liebe Frau?" Seine Frau gab ihm natürlich recht. " Du bist eine kluge gottesfürchtige Frau", meinte daraufhin der Gärtner. " Hol also unsere Schere, denn wir wollen unseren Baum gerade schneiden."

Der Baum weinte. Die Menschen, die ihn bisher so lieb gepflegt hatten, denen er vertraute, schnitten ihm die Äste ab, die der Sonne am nächsten waren. Er konnte nicht sprechen und deshalb nicht fragen. Er konnte nicht begreifen. Aber sie sagten ja, dass sie ihn lieb hätten und es gut mit ihm meinten. Und sie sagten, Dass ein richtiger Baum gerade wachsen müsse. Und dass Gott es nicht gern sähe, wenn er schief wachse. Also musste es wohl stimmen. Er wuchs nicht mehr der Sonne entgegen..

" Ist er nicht brav, unser Baum?" fragte der Gärtner seine Frau. " Sicher, lieber Mann" , antwortete sie, " du hast wie immer recht. Unser Baum ist ein braver Baum."

Der Baum begann zu verstehen. Wenn er machte, was ihm Spaß und Freude bereitete, dann war er anscheinend ein böser Baum. Er war nur lieb und brav, wenn er tat, was der Gärtner und seine Frau von ihm erwarteten. Also wuchs er jetzt strebsam in die Höhe und gab darauf acht, nicht mehr schief zu wachsen.

" Sieh dir das an", sagte der Gärtner eines Tages zu seiner Frau, " unser Baum wächst unverschämt schnell in die Höhe. Gehört sich das für einen rechten Baum?" Seine Frau antwortete: " Aber nein, lieber Mann, das gehört sich natürlich nicht. Gott will, dass Bäume langsam und in Ruhe wachsen. Und auch unsere Nachbarin meint, dass Bäume bescheiden sein müssten, ihrer wachse auch schön langsam." Der Gärtner lobte seine Frau und sagte, dass sie etwas von Bäumen verstehe. Und dann schickte er sie die Schere zu holen, um dem Baum die Äste zu stutzen.

Sehr lange weinte der Baum in dieser Nacht. Warum schnitt man ihm einfach die Äste ab, die dem Gärtner und seiner Frau nicht gefielen? Und wer war dieser Gott, der angeblich gegen alles war, was Spaß machte?

" Schau her", sagte der Gärtner, wir können stolz sein auf unseren Baum." Und seine Frau gab ihm wie immer recht.

Der Baum wurde trotzig. Nun gut, wenn nicht in die Höhe, dann eben in die Breite. Sie würden ja schon sehen, wohin sie damit kommen. Schließlich wollte er nur wachsen, Sonne, Wind und Erde fühlen, Freude haben und Freude bereiten. In seinem Innersten spürte er ganz genau, dass es richtig war zu wachsen. Also wuchs er jetzt in die Breite.

"Das ist doch nicht zu fassen." Der Gärtner holte empört die Schere und sagte zu seiner Frau : " stell dir vor, unser Baum wächst einfach in die Breite. Das könnte ihm so passen. Das scheint ihm ja geradezu Spaß zu machen. So etwas können wir auf keinem Fall dulden!" Und seine Frau pflichtete ihm bei: " Das können wir nicht zulassen. Dann müssen wir ihn eben wieder zurecht stutzen."

Der Baum konnte nicht mehr weinen, er hatte keine Tränen mehr. Er hörte auf zu wachsen. Ihm machte das Leben keine rechte Freude mehr. Immerhin, er schien nun dem Gärtner und seiner Frau zu gefallen. Wenn auch alles keine rechte Freude mehr bereitete, so wurde er wenigstens lieb gehabt. So dachte der Baum.

Viele Jahre später kam ein kleines Mädchen mit seinem Vater am Baum vorbei. Er war inzwischen erwachsen geworden, der Gärtner und seine Frau waren stolz auf ihn. Er war ein rechter und anständiger Baum geworden.

Das kleine Mädchen blieb vor ihm stehen. " Papa, findest du nicht auch, dass der Baum hier ein bisschen traurig aussieht?" fragte es.

" Ich weiß nicht," sagte der Vater. "Als ich klein war wie du, konnte ich manchmal auch sehen, ob ein Baum fröhlich oder traurig ist. Aber heute kann ich das nicht mehr."

" Der Baum sieht wirklich ganz traurig aus." Das kleine Mädchen sah ihn mitfühlend an. " Den hat bestimmt niemand richtig lieb. Schau mal, wie ordentlich der gewachsen ist. Ich glaube, der wollte mal ganz anders wachsen, durfte aber nicht. Und deshalb ist er jetzt traurig."

" Vielleicht", antwortete der Vater versonnen. " Aber wer kann schon wachsen ,wie er will?"

" Warum denn nicht?" fragte das Mädchen." wenn jemand den Baum wirklich lieb hat, kann er ihn auch wachsen lassen, wie er selber will, oder nicht? Er tut damit doch niemanden etwas zuleide."

Erstaunt und schließlich erschrocken blickte der Vater sein Kind an. Dann sagte er:" Weißt du, keiner darf so wachsen, wie er will, weil sonst die anderen merken würden, dass auch sie nicht immer so gewachsen sind, wie sie eigentlich mal wollten."

" Das verstehe ich nicht, Papa!"

" Sicher Kind, das kannst du noch nicht verstehen. Auch du bist vielleicht nicht immer so gewachsen, wie du gerne wolltest. Auch du durftest nicht."

" Aber warum denn nicht, Papa? Du hast mich doch lieb und Mama hat mich auch lieb, nicht wahr?"

Der Vater sah sie eine Weile nachdenklich an. " Ja ", sagte er dann, " sicher haben wir dich lieb."

Sie gingen langsam weiter und das kleine Mädchen dachte noch lange über dieses Gespräch und den traurigen Baum nach. Der Baum hatte den beiden aufmerksam zugehört, und auch er dachte lange nach. Er blickte ihnen noch immer hinterher, als er sie eigentlich schon lange nicht mehr sehen konnte. Dann begriff der Baum. Und er begann hemmungslos zu weinen.

 

 

Das rosa Tütchen (Autor unbekannt)

erhalten von Bea !!

05.07.2005

Als ich eines Tages, wie immer traurig, durch den Park schlenderte und mich auf einer Parkbank niederließ, um über alles nachzudenken was in meinem Leben schief läuft, setzte sich ein fröhliches kleines Mädchen zu mir.

Sie spürte meine Stimmung und fragte: " Warum bist Du traurig?" "Ach", sagte ich "ich habe keine Freude im Leben. Alle sind gegen mich. Alles läuft schief. Ich habe kein Glück und ich weiß nicht wie es weitergehen soll."

"Hmmm ", meinte das Mädchen, "wo hast Du denn Dein rosa Tütchen? Zeig es mir mal. Ich möchte da mal hineinschauen."

"Was für ein rosa Tütchen?", fragte ich sie verwundert. "Ich habe nur ein schwarzes Tütchen." Wortlos reichte ich es ihr. Vorsichtig öffnet sie mit ihren zarten kleinen Fingern den Verschluss und sah in mein schwarzes Tütchen hinein.

Ich bemerkte wie sie erschrak. "Es ist ja voller Alpträume, voller Unglück und voller schlimmer Erlebnisse!"

"Was soll ich machen? Es ist eben so. Daran kann ich doch nichts ändern."

"Hier nimm," meinte das Mädchen und reichte mir ein rosa Tütchen. "Sieh hinein!"

Mit etwas zitternden Händen öffnete ich das rosa Tütchen und konnte sehen, dass es voll war mit Erinnerungen an schöne Momente des Lebens. Und das, obwohl das Mädchen noch jung an Menschenjahren.

"Wo ist Dein schwarzes Tütchen?" fragte ich neugierig.

"Das werfe ich jede Woche in den Müll und kümmere mich nicht weiter drum", sagte sie. "Für mich besteht der Sinn des Lebens darin, mein rosa Tütchen im Laufe des Lebens voll zu bekommen. Da stopfe ich soviel wie möglich hinein. Und immer wenn ich Lust dazu habe oder ich beginne traurig zu werden, dann öffne ich mein rosa Tütchen und schaue hinein. Dann geht es mir sofort wieder besser.

Wenn ich einmal alt bin und mein Ende droht, dann habe ich immer noch mein rosa Tütchen. Es wird voll sein bis obenhin und ich kann sagen, ja , ich hatte etwas vom Leben. Mein Leben hatte einen Sinn!"

Noch während ich verwundert über ihre Worte nachdachte gab sie mir einen Kuss auf die Wange und war verschwunden. Neben mir auf der Bank lag ein rosa Tütchen. Ich öffnete es zaghaft und warf einen Blick hinein. Es war fast leer, bis auf einen kleinen zärtlichen Kuss, den ich von einem kleinen Mädchen auf einer Parkbank erhalten hatte. Bei dem Gedanken daran musste ich schmunzeln und mir wurde warm ums Herz.

Glücklich machte ich mich auf dem Heimweg, nicht vergessend, am nächsten Papierkorb mich meines schwarzen Tütchens zu entledigen.